Cäsar W. Radetzky
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Monika Kohut im Gespräch mit Cäsar W. Radetzky

Cäsar W. Radetzky studierte Akt- und Portraitmalerei bei Professor König an der Akademie in München und Landschaftsmalerei bei Ugo Capocchini an der Academia di Belle Arti Firenze. Unter letztmaliger, persönlicher Leitung von Prof. Oskar Kokoschka nahm er 1963 an der Salzburger Sommerakademie teil. Cäsar W. Radetzky hatte zahlreiche Ausstellungen in ganz Europa und in den USA. Er erhielt verschiedene, renommierte Auszeichnungen. Der Urenkel des k&k Feldmarschalls Josef W. Radetzky von Radetz lebt und arbeitet in München. Wir treffen uns in seinem Atelier in der Landwehrstraße.

MK: Herr Radetzky, Sie haben wiederholt gesagt, außer Oskar Kokoschka schuldeten Sie Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth besonderen Dank." Inwiefern spiegelt sich dieses doch nicht ganz homogene expressionistische ‚Vermächtnis' in Ihren Bildern wider?

CWR: Tatsächlich fühle ich mich Corinth am nächsten auf Grund der Gewalt und Kraft seines Striches. Mit Kokoschka habe ich die Farbpräferenzen gemeinsam, wobei Kokoschka vorsichtiger und zurückhaltender in der Intensität ihres Gebrauchs war. Bei Slevogt haben mich immer die Landschaftsbilder beeindruckt; der lockere Aufbau und ihre Stimmung. Liebermann, dessen Gärten ich besonders mag, ist bekanntermaßen ein Vertreter des Impressionismus. Das heißt, dass die Lichteffekte bei ihm - wie bei allen Malern des Pleinairismus - eine signifikante Rolle spielen. Da ich aber ausschließlich im Atelier bei Kunstlicht arbeite, setze ich das Thema Licht völlig anders um.

MK: Für manche sind Sie ein Vertreter des abstrakten Expressionismus; Prof. Dr. Manfred Fath hingegen hat von Ihnen gesagt: "Seine Bilder beabsichtigen eine Zwischenstellung zwischen figurativem und abstraktem Expressionismus einzunehmen." Wie sehen Sie sich selbst?

CWR: Ich selbst sehe mich nicht als abstrakten Expressionisten, denn ich gehe immer nur bis zum Kulminationspunkt, also bis zum Übergang zur Auflösung. Genau diesen Punkt suche ich. Im Rahmen dieses Prozesses mache ich zunächst eine Vorzeichnung. In meinen Bildern gibt es immer figurative Elemente. Nur löse ich diese dann nachfolgend durch Farbe wieder auf. Damit wird die figurative Darstellung zu einem Gerüst, das die Farbe trägt. Man könnte auch sagen, die Zeichnung dient der Strukturierung der Farbe.

Das Leben als Sujet

MK: Würden Sie Ihre Werke als Ausdruck des gegenwärtigen Zeitgeistes beschreiben?

CWR: Nein, denn es gibt Zyklen in meinem Werk, die der Zeit deutlich voraus sind. Im Übrigen sind meine Bilder immer Ausdruck meiner Emotionen. Wie ich schon an anderer Stelle konstatiert habe, male ich das Leben, das heißt Erinnerungen, Ereignisse, Begeben-heiten, die nach einiger Distanz gereinigt wieder in mein Bewusstsein kommen.

MK: Was genau meinen Sie mit "gereinigt"? Bei welchem Ihrer Bilder kommt dieser Aspekt besonders deutlich zum Tragen?

CWR: Gereinigt bedeutet, dass ich meine Gefühle sortiert und filtriert habe. Die Substanz, die nach diesem Reinigungsprozess übrig bleibt wird zum Bild. So habe ich beispielsweise ein ganzes Jahr gebraucht, um die Eindrücke meines Besuchs in New York intellektuell und emotional zu verarbeiten. Der Zyklus ‚Big Apple', zu dem ich auch einen Text geschrieben habe, beschreibt den gesamten Weg des Broadway, ausgehend von Ellis Island, vorbei am Central Park bis zum Ende im Van Cortland Park. Immigranten, die hier ankamen, meinten, das Gelobte Land' erreicht zu haben, bis sie dann in den tristen Hallen von Ellis Island mit der Realität konfrontiert wurden. Die Ängste dieser Menschen konnte ich regelrecht fühlen. Ähnlich erging es mir in den ehemaligen Künstler Vierteln. Das Odium der Kreativität, die dort zurückgelassene Energie, war für mich ebenfalls noch deutlich spürbar.

Proaktiv gesteuerte Rankinglisten

MK: Was hat sich in den letzten zwanzig Jahren in der deutschen und auch internationalen Kunstszene geändert?

CWR: Die Post - Beuys - Ära, also die Zeit nach Performances und Aktionskünstlern, war gekennzeichnet von einem sprichwörtlichen Hunger nach Bildern. Das Publikum verlangte nach physischer Kunst und damit nach Objekten, die man vermarkten konnte. In jenen Jahren war die deutsche Kunstszene, die einen ihrer Schwerpunkte in Berlin hatte, international tonangebend. Begünstigt durch neu entstehende Medien und Formate, insbesondere auch die Fernsehdiskussionen über Kunst, wuchs die Macht der Galeristen zusehends. In den verschiedenen Kunstepochen hatte es immer einen Mainstream gegeben. Nun aber wurde dieser von rührigen Kunstmanagern durch Marketing und professionelle PR strategisch konstituiert und gesteuert.

MK: Wollen Sie damit sagen, dass, wie durch das Literarische Quartett unter der Leitung von Marcel Reich-Ranicki, in der Kunstszene ein Hype inszeniert wurde, der dazu führte, dass Bilder zu Investitionsgütern für eine breite Öffentlichkeit mutierten?

CWR: Das ist richtig. Es gibt sogar Rankinglisten, ebenfalls proaktiv gesteuert von ‚Kunstvermarktern', die dafür sorgen, dass es zum Lifestyle gehört, Arbeiten derart gesteuerter Künstler in Sammlungen aufzunehmen. Dieser Hype, wie Sie es nennen, führte zu einer regelrechten Verselbständigung bestimmter Künstlernamen. Es gibt mittlerweile Wartelisten für Bilder, die noch nicht einmal fertig gestellt sind. Begünstigt durch die Kontakte international arbeitender Galeristen zu großen Galerien in New York, schwappte dieses Phänomen seinerzeit in die USA über. Damit war dann ein internationaler Trend eingeläutet.

Durch das Grundgesetz verbürgte Chancen

MK: 2000 haben Sie für die Ausstellung ‚freedom - freiheit - liberté' drei großformatige Werke geschaffen, die eine mögliche Koexistenz der Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam aufzeigen. Heute ist dieses Thema aktuell wie eh und je. Wie sahen Sie damals die Chancen dieser möglichen Koexistenz, und wie sehen Sie sie heute im Jahr 2011, also rund elf Jahre später?

CWR: Diese Chancen habe ich immer auf Deutschland bezogen, denn bei uns ist die freie Ausübung der Religion durch das Grundgesetz verbürgt. ‚De jure' wäre damit eine friedliche Koexistenz aller drei Religionen hierzulande möglich. Das Zusammenleben von Juden und Christen funktioniert meiner Ansicht nach ja auch mittlerweile wirklich gut. Aber im Hinblick auf die fundamentalen Strömungen im Islam, glaube ich nicht an die kurzfristige Realisierbarkeit einer friedlichen Koexistenz, zumindest nicht im Großen. Im Kleinen hingegen ist sie vielerorts schon erlebbar, wie zum Beispiel auch in dem Münchner Stadtviertel, in dem ich wohne.

Völlig neue Aspekte der Darstellung

MK: Ebenso wie Liebermann, Corinth und Slevogt, haben auch Sie sich auch mit biblischen Themen beschäftigt. So zeigt ‚Die Blaue Krone', ein Gemäldezyklus in 14 Bildern, die Kreuzwegstationen Jesu. Warum haben Sie diese Auftragsarbeit der Diozöse München-Freising angenommen; aus Glaubensgründen?

CWR: Dieses Projekt wurde seinerzeit an mich herangetragen durch Monsignore Gerhard Ott, mit dem ich schon länger bekannt war. Zunächst habe ich mich geweigert, den Auftrag anzunehmen. Mir erschien das Sujet zu starr, denn in allen Kirchen gibt es einen Kreuz-weg. Ich sah keine Möglichkeit, meine persönliche, originale Kreativität einzubringen. Als Msgr. Ott aber nicht locker ließ, entschloss ich mich, zu diesem Thema zu recherchieren. Dabei entdeckte ich ein Buch über Anna Katharina Emmerick, deren Visionen der Schrift-steller Clemens Brentano niedergeschrieben hat. In ihren Visionen hatte diese Nonne Häuser, Licht , Stimmungen und viele andere Details gesehen, die mir völlig neue Aspekte einer Darstellung eröffneten. Nachdem ich den Leidensweg Jesu nun sozusagen durch ihre Augen gesehen hatte, wusste ich, wie ich das Thema innovativ realisieren konnte. Übrigens hatte ich das Schlüsselerlebnis mit der zufälligen Entdeckung des Buches über Anna Katharina Emmerick sieben Jahr vor Mel Gibson, der dann 2004, anlässlich der Entstehung seines Filmes ‚Die Passion Christi', von einem identischen Erlebnis erzählte.

Eine Zusammenarbeit, die Spuren hinterließ

MK: ‚Die Blaue Krone', wie Sie Ihren Kreuzwegzyklus bezeichnen, erntete wahre Lobeshymnen in den Medien und der Fachwelt. Das Werk wurde später als Videofilm in multimedialer Verbindung mit dem Kreuzwegkonzert von Prof. Hannes Beckmann im Münchner Residenztheater aufgeführt. Die Schauspielerin Sunnyi Melles las die Texte. War diese Zusammenarbeit von Anfang an geplant beziehungsweise wie kam es dazu?

CWR: Nein, denn Msgr. Ott hatte uns beide zunächst getrennt beauftragt. So war ich bereits bei der neunten Kreuzwegstation, und Beckmann war auch schon in einer fortgeschrittenen Phase seiner Komposition, als wir uns kennen lernten. Übereinstimmend stellten wir fest, dass seine Musik nicht optimal mit meinen Bildern harmonierte und vice versa. Nachfolgend kam es dann zu einer engen Zusammenarbeit, die in beiden Werken Spuren hinterlassen hat. Für die Veranstaltung im Residenztheater hatte ich die Idee, Gedichte verschiedener Autoren rezitieren zu lassen. Sunnyi Melles sagte spontan zu und übernahm diesen Part.

Sizilien – ein Land einer Göttin gleich

MK: Sie malen nicht nur, sondern schreiben auch. So erschien unter anderem 1996 im Verlag Munich Zollstock (Edition Verlag, München) Ihr ‚Sizilianisches Tagebuch'. Eine poetische Reise durch das antike Sizilien mit Bildern von Ihnen und Gedichten von Nicoletta di Milo, die ja auch in das Projekt ‚Die Blaue Krone' involviert war. Laut Verlag ist es "Ein Buch, in dem Liebeslyrik und bildnerische Darstellung kontrapunktisch zu sektiererischer Gewalt in einer von erotischer Schönheit geprägten Landschaft gegen-übergestellt werden." Wollten Sie tatsächlich bewusst diesen Kontrapunkt setzen?

CWR: Die Geschichte dieses Landes ist bekanntermaßen bis heute von Gewalt geprägt. Aber kein Krieg, keine Eroberung oder Herrschaft konnte es in seinem Wesen verändern. Damals wie heute "ragt es einer Göttin gleich in verschwenderischer Schönheit aus dem Meer," so meine Impression im Tagebuch. Mein romantisches Sizilienbild wurzelte zu-nächst sicher in meiner ersten, sehr erlebnisreichen Sizilienreise. Aber der Roman ‚Il Gattopardo' von Tomasi di Lampedusa und nachfolgende Reisen haben zweifellos zu einer weiteren Vertiefung dieses Bildes beigetragen. Die Summe meiner Eindrücke und Emotionen findet ihren Ausdruck dann letztendlich in meinem Gemäldezyklus.

Rezepte, die zunächst nur für Freunde und Bekannte bestimmt waren

MK: Sie sind ein passionierter Hobbykoch, eine Tatsache, die unter anderem dokumentiert wird durch Ihr Buch ‚CucinArte, das neben "amüsanten Geschichten, privaten Notizen und zahlreichen Reproduktionen von Bildern und Handskizzen," so der Klappentext, auch "typische Rezepte aus Italiens privaten Küchen" enthält. Das klingt einmal mehr nach einer Hommage an Ihre italienische Zweitheimat. Wie entstand dieses Kochbuch?

CWR: Die erste Auflage habe ich selbst finanziert. Sie betrug lediglich 1000 Exemplare und war ausschließlich für Freunde und Bekannte bestimmt. Damals lautete der Titel ‚Kunst und Küche'. Die Idee dazu war entstanden, weil ich immer wieder nach meinen Rezepten gefragt wurde. Meistens konnte ich mich jedoch nicht genau an die Zubereitung erinnern. Also fing ich an, Notizen zu meinen Gerichten niederzuschreiben, und zusammen mit privaten Rezepten aus italienischen Familien entstand letztendlich dieses Kochbuch. In einer Neuauflage erschien im Hädecke Verlag dieses Buch nochmals mit dem Titel ‚CucinArte'. Beide Auflagen sind übrigens schon länger vergriffen - leider.

Das Krokodil als potentielles ‚alter ego'

MK: 2006 haben Sie selbst einen kleinen Bildband verlegt mit dem Titel "Zähne zeigen". Wiederholt "besucht" Sie ein Krokodil in Ihrem Atelier. Welcher Art ist die Beziehung zwischen Ihnen? Warum ein Krokodil - wofür steht dieses Tier?

CWR: Das Krokodil steht möglicherweise für mein ‚alter ego'. Bitte erwarten Sie jetzt keine logische Erklärung, die gibt es nämlich nicht, aber so lange ich denken kann, spüre ich ein Unbehagen beim Anblick von Krokodilen: Ihre Motorik - diese ständig lauernde Art hat mich immer schon erschaudern lassen. Dabei habe ich nie eine reale Begegnung mit diesem Tier gehabt. Vielleicht ist der Schlüssel zu dieser Angst ein Erlebnis in einem vorigen Leben; wer weiß…

Nichts verändert sich

MK: Auf der ersten Seite dieses kleinen Buches heißt es: "Mit Pinsel und spitzer Feder." Ihre hier abgedruckten Gedichte und Bilder erwecken den Eindruck, dass Sie sich in einer Phase sehr kritischer Betrachtung Ihrer eigenen Person, der Liebe, Politik und Kirche, also des Lebens insgesamt befanden. Kann man das Resümee Ihrer Reflektionen mit dem Titel eines Gedichtes zusammenfassen, nämlich "Nichts verändert sich"?

CWR: Zur damaligen Zeit befand ich mich in einer Trennungsphase und damit tatsächlich in einer psychischen Ausnahmesituation, die in einer selbstironischen Betrachtung meiner Vergangenheit und Gegenwart ihren Ausdruck fand. Mein Resümee war, dass sich die essentiellen Dinge des Lebens nicht in ihrem Kern verändern, aber sehr wohl in ihrer Form. Wie sagte doch Tomasi di Lampedusa: "Damit alles bleibt wie es ist, muss sich alles verändern."

MK: Herr Radetzky, herzlichen Dank für dieses Gespräch.


- © Cäsar W. Radetzky